Kölner Stadtanzeiger, 09.06.2005

Nebenbei fürs Leben lernen
vom epd (Evangelischer Pressedienst)

Berlin - Im Berliner Labyrinth Kindermuseum wimmelt es dieser Tage von Kindern, die wie Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf oder Michel aus Lönneberga verkleidet sind. Sie spielen Seeräuber auf einem Schiff, das der Hoppetosse täuschend ähnlich sieht, springen vom Dach eines rostroten Häuschens, bei dem es sich nur um Michels Holzschuppen handeln kann. Das wichtigste dabei: Erwachsene sollen sich nicht einmischen! Weder voreilige Ermahnungen noch ungefragte Ratschläge sind erwünscht.

 

Die Ausstellung, die das Kindermuseum vor wenigen Tagen gemeinsam mit dem Schwedischen Institut eröffnet hat und die unter der Schirmherrschaft von Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman steht, trägt den Titel "Volles Recht auf Spunk und Spiel". "Spielen ist die Basis für das Lernen, die Grundlage für ein erfolgreiches Leben", sagt die Geschäftsführerin des Museums, Roswitha von der Goltz. Beim Spielen entwickelten Kinder nicht nur Fantasie und Kreativität, sondern lernten auch, sich an Absprachen zu halten.

Obwohl diese Ansicht seit Jahrzehnten von Entwicklungspsychologen geteilt wird, unterschätzen viele Erwachsene noch immer den Wert des Spielens. "Viele Eltern unterscheiden Spielen und Lernen", sagt Armin Krenz vom Kieler Institut für angewandte Psychologie und Pädagogik. Sie verstünden Lernen als eine Ansammlung von Wissen, das vor allem durch Unterricht oder Lernspiele erworben werde - beispielsweise die Kenntnis von Liedtexten oder die Fähigkeit, den eigenen Namen schreiben zu können.

Doch das ist nach Expertenmeinung der falsche Ansatz. Zwar stehe beim Spiel der Spaß an erster Stelle, so Armin Krenz, doch gerade deshalb entwickelten Kinder dabei außergewöhnlich viele Fähigkeiten, die für ein lebenslanges Lernen wichtig seien: neben Konzentrationsfähigkeit und Wahrnehmungsoffenheit auch Belastbarkeit und Lernbereitschaft sowie das Vermögen zuhören zu können und ein gutes Körpergefühl.

Lernen ist beim Spielen ein Nebenprodukt - gerade deshalb macht es Spaß. "Die Kinder erobern sich beim Spielen die Welt in ihrem eigenen Tempo und auf ihre eigene Motivation hin", erklärt die Frankfurter Kinder- und Jugendpsychologin Hedi Friedrich. "Das passiert immer nur in solchen Portionen, die ein Kind gut verarbeiten kann."

Gestört werde dieses natürliche Gleichgewicht vor allem durch Erwachsene, die in das Spiel eingreifen, um das Kind zu korrigieren oder um zu zeigen, wie es vermeintlich "richtig" geht. Beispielsweise, wenn beim Töpfern unbedingt ein Gefäß entstehen soll, aber keine Fantasiefigur.

Wenn Kinder frei spielen dürfen, können sie sich ganzheitlich entwickeln, lautet die zentrale Botschaft der Experten. Zu viel Ausrichtung auf Sinnhaftigkeit und Leistung - gerade bei vermeintlich pädagogischen Spielen oder wie in der PISA-Debatte jetzt wieder gefordert - stören da nur, weil solche Spiele fast immer unvollkommen sind und bestimmte Entwicklungsaspekte vernachlässigen.

Allerdings gebe es in Deutschland immer mehr Jungen und Mädchen, die das Spielen nicht gelernt hätten, so Armin Krenz. "Kinder werden zwar mit dem Wunsch geboren, sich handelnd mit ihrer Umwelt auseinanderzusetzen. Aber die Fähigkeit zum Spielen müssen sie erst erwerben." Erwachsene sollten deshalb unbedingt mit Kindern spielen - und dabei eben nicht als Belehrende auftreten. Auch Anregungen könnten sie dabei geben. "Aber wenn man merkt, dass der Impuls aufgegriffen wird, sollte man sich auch wieder zurückziehen und das Kind kreativ werden lassen", rät Armin Krenz.

In der Ausstellung des Labyrinth Kindermuseums stehen den Kindern Betreuer zur Verfügung, die - anders als die üblichen Erziehenden - wie Figuren von Astrid Lindgren verkleidet sind. Sie geben Rat und Hilfestellung, wenn es erforderlich sein sollte - früher nicht. Spielen, sagen Hedi Friedrich und Armin Krenz übereinstimmend, tut auch Erwachsenen gut. Astrid Lindgren beispielsweise hat sich noch als Großmutter als Hexe verkleidet und damit ihre Enkel erschreckt.

Die Ausstellung "Volles Recht auf Spunk und Spiel" ist bis zum 20. November im Labyrinth Kindermuseum in Berlin-Wedding zu sehen.


Link: http://www.ksta.de/artikel.jsp?id=1118299996160

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