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Noch bis Ende Dezember 2016 läuft im Labyrinth Kindermuseum Berlin das Projekt „Vielfalt-Forscher“. Projektkoordinatorin Brigitte Steiner gibt einen Einblick in die Arbeit mit den Mädchen und Jungen – und Mitarbeiter*innen …

Vielfalt-Forscher: Superduperdiversität im Labyrinth Kindermuseum Berlin?!

Ein ganz normaler Projekttag „Vielfalt-Forscher“ im Labyrinth Kindermuseum Berlin: 31 Kinder arbeiten zum Thema Vielfalt. Spielaufgabe im Stuhlkreis: Ein Kind steht in der Mitte und wünscht sich alle Kinder mit einer bestimmten Eigenschaft. Die Kinder mit dieser Eigenschaft wechseln die Plätze. Ein Junge wünscht sich alle, die gerne Fußball spielen. Kurzes Gewusel, viele der Mädchen und Jungs kommen in Bewegung. Ein Mädchen wünscht sich alle Kinder mit schwarzen Haaren – großes Gewusel! 31 Kinder stehen auf! Aber sind die Haare wirklich alle schwarz? Es entsteht eine lebhafte Diskussion darüber, wessen Haare eher braun, dunkelbraun, braunschwarz, tiefschwarz (oder schwarz mit pinker Strähne?!) sind.

Hier forschen Kinder aus einer Willkommensklasse gemeinsam mit Kindern einer Regelklasse zum Thema Vielfalt. Mit Joao Albertini, Theaterpädagoge und pädagogischer Leiter des Labyrinth Kindermuseum Berlin, und Eleni Papaioannou, Künstlerin und Kunstpädagogin, gehen sie künstlerisch und kreativ den vielen Facetten von Vielfalt nach. Sie forschen zu Einzigartigkeit, Gemeinsamkeiten und Unterschieden.

Für uns sind alle vor allem erst einmal Kinder. Fern von Festlegungen wie „Migrationshintergrund“ (… wann bitte hört der denn mal auf?) oder „Fluchthintergrund“ (… und wie lange bleibt der?) arbeiten wir im Projekt mit dem, was die Kinder mitbringen an Erfahrungen, Wissen, Ideen und Persönlichkeit. Dass die Deutschkenntnisse der Kinder sich dabei unterscheiden, ist Teil der Arbeit. Wie genau aber sieht diese Arbeit aus?

Kleiner Exkurs: Mitarbeiter*innenschulung „Vielfalt“ im Kindermuseum. Joao schult und spricht von Anfang bis Ende der ersten Runde nur auf Portugiesisch. Dennoch wird die Aufgabe – ein komplexes Umeinander-herum-Balancieren auf Stühlen und alphabetisches Aufstellen aller Teilnehmenden, ohne dass man dabei sprechen darf – dank Joaos Mimik und Gestik nicht nur verstanden, sondern auch noch bravourös gemeistert. Körperbetonte Sprache, das ist es, was Joao Albertini seit Jahren erprobt und vermittelt und das nicht nur so „aus Spaß“, sondern aus dringender Notwendigkeit in der Arbeit mit Kindern, die unterschiedliche Sprachen sprechen und in Deutschland ankommen möchten. Das heißt, aufmerksam, geduldig, deutlich und mit Gesicht, Händen und Füßen erklären wir uns, das Projekt „Vielfalt-Forscher“ und die Ideen, die wir mit den Kindern umsetzen wollen. Und selbstverständlich sind die Expert*innen die Kinder  – die unterschiedlichen Sprachkenntnisse versetzen sie in die Lage, sich gegenseitig auszuhelfen. Und das tun sie auch, ganz natürlich. Wir Mitarbeiter*innen kombinieren Pantomime und Gestaltung, und es entstehen eigene Point-it-Bücher. Ein nützliches Bildwörterbuch für Geflüchtete ist übrigens „ICOON for Refugees

Genutzt haben wir auch die tolle „Einfach alles! Wort-Schatz-Kiste“ von Rotraut Susanne Berner, die Bild und Sprachen verknüpft und schöne Spielanregungen mitliefert.

Die Kinder im „Vielfalt-Forscher“-Projekt ebenso wie die begleitenden Lehrer*innen bringen viele Sprachen in unterschiedlichen Leveln mit. Zeitweise erklingen zu den Projekteinheiten bis zu 22 Sprachen im Raum. Kinder, die drei Sprachen beherrschen, sind nicht selten. Kinder, die zu ihrer Biografie drei Länder zählen (in einem geboren, in einem aufgewachsen, in ein anderes ausgewandert/geflohen), ebenso. Diese Vielfalt ist bereits Fakt und wird gelebt.

Diversität ist wie ein Zauberwort, alle machen jetzt mit … Aber es gibt genügend Fallstricke, und Diversity im besten Sinne macht sich nicht von selbst.

Ein schwarzer Junge malt im Projekt sein Selbstportrait und sagt: „Ich habe mich als Affe gemalt.“ „Warum als Affe?“, fragt Eleni. „Weil die anderen mich Affe nennen.“ Joao macht den Kindern mit einem Blatt Papier bildlich klar, was es bedeutet, Rassismus zu erfahren. Er formuliert eine Beleidigung nach der anderen, pro Beleidigung faltet er das Blatt immer weiter zusammen, bis zur Unkenntlichkeit. Dann übt er mit dem Jungen zu sagen: „Lass das bitte, das ist rassistisch.“

Es ist ein langer Weg – zu sozialer Gleichheit, zu sozialer und kultureller Teilhabe. Um Jens Schneider vom Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück zu zitieren:

„In der Mehrheitlich-Minderheiten-Gesellschaft bedeutet „Integration“, dass sie uns alle betrifft. Wer in dieser Gesellschaft auch in Zukunft klarkommen und erfolgreich sein will, muss lernen, mit der zunehmenden Supervielfalt umzugehen. Integration 2.0 ist die Teilhabe an einer Gesellschaft, in der ethnische und religiöse Unterschiede nicht verschwunden sind, aber auch wenig aussagen über die lokale, regionale und nationale Zugehörigkeit. Auf allen Ebenen trifft man auf Menschen, die in wichtigen Aspekten „anders“ sind als man selbst und mit denen man gleichzeitig auch wieder vieles gemeinsam hat, zum Beispiel weil man zusammen arbeitet oder Fußball spielt oder gar die Familie teilt. Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind nicht mehr allgemein, sondern kontext- und situationsgebunden. Das zu lernen und souverän zu meistern ist eine Herausforderung, die die Noch-Mehrheitsgesellschaft nicht weniger betrifft als Migranten und Flüchtlinge.“ (Quelle: Frankfurter Rundschau)

Mit unserem Projekt „Vielfalt-Forscher“ hoffen wir, ein wenig zur Auseinandersetzung mit Vielfalt beizutragen. Wir möchten Kinder motivieren, die Perspektive zu wechseln, kreative Lösungen zu finden und die Kinder so zu Mitgestalterinnen, Visionären, Praktikerinnen und Vielfaltern einer neuen Vielfalt werden lassen.

Mehr zum Projekt „Vielfalt-Forscher“.

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